Commerzbank-Umweltpraktikum

Zwischen Wattknistern und aufgedrehten Kindern

Foto: Judith Wiezorek


Gibt es ein schöneres Gefühl, als früh morgens um 6:30 Uhr, kurz nach Sonnenaufgang, barfuß über den zeitweise trockengefallenen Meeresboden zu laufen? Weit und breit keine andere Menschenseele, bis auf den einen oder anderen Jogger, der sich um diese Uhrzeit schon aus dem Haus getraut hat und in der Ferne am Strand entlang läuft. Zwischen meinen Füßen spüre ich den schlickigen Boden, bei jedem Schritt sinke ich tief ins Watt ein. Es ist ein schönes Gefühl. Abgesehen von meinen eigenen Schritten auf dem Wattboden höre ich nur Wind und Wattknistern.
Warum bin ich überhaupt um diese Uhrzeit draußen im Watt? Für das Commerzbank-Umweltpraktikum im Multimar Wattforum habe ich beschlossen, eigenständig Versuche zu Wattorganismen durchzuführen und zu versuchen, daraus ein Bildungsangebot für Schulklassen zu entwickeln – für mein eigenes kleines Projekt und die Weiterentwicklung der Bildungsarbeit im größten Informationszentrum des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Ich bin also hier, weit  draußen im Watt, mit Forke und Eimer bewaffnet, um Würmer und Muscheln zu sammeln. Da in etwa einer Stunde Niedrigwasser ist, und ab diesem Zeitpunkt das Wasser ja wieder steigt, ist jetzt eben der optimale Zeitpunkt. So läuft das hier am Wattenmeer: Immer die Gezeiten im Blick haben!
Dass ich schon so früh im Watt spazieren gehe, hat aber auch einen anderen Grund. In wenigen Stunden öffnet das Multimar Wattforum seine Türen für Besucher, die sich über das Wattenmeer und seine einzigartige Natur informieren wollen. Und dann wartet auch schon die erste Schulklasse auf mich, mit der ich im Schullabor zusammen Versuche durchführen  und ihnen von  Walen, Seesternen und Seepocken-Sex erzählen soll. Dann ist es eben vorbei mit der endlosen Weite des Watts und dieser angenehmen Ruhe. Also nochmal tief Luft holen und Kraft tanken!
Gibt es ein schöneres Gefühl, als früh morgens barfuß über den Wattboden zu laufen? Vielleicht. Zumindest ist es ein genauso schönes Gefühl, wenn mir am Ende des Tages bewusst wird, dass ich heute wieder 30 quirligen Schulkindern, die anfangs noch so gelangweilt schienen, tatsächlich etwas über Natur beigebracht und Begeisterung für Biologie in ihnen erweckt habe. Das ist zwar meist sehr anstrengend und hat nichts mehr mit der friedlichen Stille des morgendlichen Watts zu tun… Wie frisst ein Seestern? Warum haben Seepocken einen so langen Penis? Und was hat ein fast 20m langes Pottwalskelett hier in Tönning zu suchen? Die Umweltbildung während meines Praktikums hat mir mindestens genau so viel Spaß gemacht, wie die atem-beraubend schönen Naturerlebnisse, die ich hier erfahren durfte. Da nimmt man es auch mal in Kauf, sich mit einer anstrengenden Schulklasse herum-zuschlagen. Solange nur ein Schüler dieser Klasse mit mehr Wissen das Multimar verlässt, als er hergekommen ist, ist meine Arbeit getan und ich kann erschöpft und zufrieden ins Bett fallen. Dann wird mir wieder bewusst, was für ein Glück ich habe, so ein abwechslungsreiches Praktikum hier im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer absolvieren zu dürfen.

Judith Wiezoreck, Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer 2014