Commerzbank-Umweltpraktikum

Wie auf Hängematten laufen

Foto: Sara von Eitzen


„Falls die Torfschicht bricht, musst du deinen Oberkörper nach vorn lehnen und dich festhalten, damit du nicht komplett im Wasser landest“, meinte Wolfgang Diewald am Anfang unserer Exkursion auf die schwimmenden Inseln des Großen Arbersees. „Aber bisher ist bei den Kartierungen hier noch niemand eingebrochen.“

Guten Mutes stiefelte ich also dem Diplom-Biologen hinterher auf die schwimmenden Schwingrasenflächen, die momentan zwei Hektar des Großen Arbersees bedecken. Ausgerüstet mit Gummistiefeln und Regenkleidung war es an diesem nass-nebligen Tag unsere Aufgabe, die Standorte einiger seltener Pflanzenarten aufzusuchen und deren Bestand zu dokumentieren. Im Fokus standen dabei der Sumpf-Bärlapp sowie die Riesel-Segge. Während die Identifikation der Standorte des Sumpf-Bärlapps sich ziemlich einfach gestaltete, da dessen Vorkommen in vorausgehenden Untersuchungen gut dokumentiert wurde, war die Bestimmung der Riesel-Segge nahezu unmöglich. Grund dafür war die jahresspezifische Witterung: In diesem Jahr waren die Blütenstände bereits Ende September nicht mehr vorhanden. So konnte die Riesel-Segge nicht von der Schlamm-Segge unterschieden werden. Stattdessen machten wir aber noch einige Exemplare einer insektenfressenden Pflanze ausfindig, die allem Anschein nach von übereifrigen Gärtner*innen auf den schwimmenden Inseln eingepflanzt wurden. Da diese Pflanzen, die zu der Gattung der Sarracenia gehören, nicht heimisch sind und nicht klar ist, welchen Einfluss sie auf das bestehende Ökosystem haben, wurden sie kurzerhand von uns wieder ausgepflanzt und finden sich im besten Fall bald in irgendeinem Garten wieder. 

Es war für mich ein unglaubliches Privileg, bei dieser botanischen Untersuchung der schwimmenden Inseln teilzunehmen. Normalerweise ist das Betreten der Inseln nämlich streng verboten, da der Lebensraum einiger seltener Pflanzen, die dort wachsen, nicht gestört werden soll. Außerdem ist das Betreten der Inseln nicht ganz ungefährlich. Sie bestehen aus einer ein bis drei Meter dicken Torfschicht, die auf dem Wasser schwimmt und nur an den flachen Ufern Kontakt zum festen Untergrund hat. Auf den Inseln wachsen vor allem ans Moor angepasste Pflanzen, aber mitunter versuchen auch kleine Fichten ihr Glück. Man weiß nie, wie dick die Torfschicht ist, auf die man beim nächsten Schritt tritt, weshalb wir uns vor allem im Randbereich teilweise vorsichtig vorwärtstasten mussten. 

Dass die Torfschichten schwimmen, war übrigens nicht immer der Fall. Erst als man den Großen Arbersee im 19. Jahrhundert für die Holztrift um mehr als einen halben Meter anstaute, verloren die Verlandungsmoore ihre Verbindung zum Untergrund. In diesem Fall sorgte also die einstige Bewirtschaftung des Menschen dafür,  dass die schwimmenden Inseln des Großen Arbersees heutzutage ein einzigartiges Biotop für Tiere und Pflanzen darstellen und sich wirklich lustig anfühlen, wenn man darüber läuft: wie riesige Hängematten. 

Sara von Eitzen, Naturpark Bayerischer Wald 2014