Commerzbank-Umweltpraktikum

Waldwoche im Ilsenburger Kinderland

Foto: Irmtraut Theel

Es war der letzte Arbeitstag meiner ersten Praktikumswoche im Nationalpark Harz. Früh am Morgen, noch etwas verschlafen, saß ich schweigend mit dem Ranger Robby Meißner und der FÖJlerin Julia im kleinen, silbernen Dienst-Polo und bereitete mich innerlich darauf vor, gleich von 30 euphorischen  Kindergartenkindern umringt zu werden. Heute, am Abschlusstag der Waldwoche im Ilsenburger Kinderland am Eichholz, hatten wir eine Schatzsuche nach der verloren gegangenen Truhe des alten Försters vorbereitet. Ein Vorhaben welches bereits bei der Ankündigung für helles Aufsehen sorgte. So zogen wir mit den Kindern und Erzieherinnen, wie jeden Tag in dieser Woche, hinaus in die Natur.

Szenen der vergangenen Tage gingen mir beim Wandern noch einmal durch den Kopf. Wie stolz die Kinder waren, nachdem sie einen auf den Weg gefallenen Baum überwunden hatten. Wie ich in einer spielerischen Nachstellung der Jagdstrategie der Wölfe von johlenden Kindern zu Boden gerissen und anschließend durch Draufsetzen bewegungsunfähig gemacht wurde. Die ehrliche Begeisterung jedes einzelnen Kindes für augenscheinliche Kleinigkeiten am Wegesrand. Die Dankbarkeit nach jedem Tag, welche unter anderem in zahlreichen kleinen Geschenken wie Blumen, Kastanien und besonders schönen Steinen ausgedrückt wurde. Wirklich erstaunlich, wie sehr einem jeder Einzelne und die Gruppe als Ganzes in nur einer einzigen Woche ans Herz wächst. Das war für mich eine unglaublich bereichernde und schöne Erfahrung. Ganz nebenbei konnte ich mir bei Robby viele nützliche Dinge abgucken, so zum Beispiel, wie man gekonnt Geschichten erzählt, wie man Begeisterung für Natur vermittelt und viel Wissenswertes über Flora und Fauna.

Nachdem wir eine Weile unterwegs waren und schon die ersten kleinen Abenteuer erlebt hatten, begann für die Kinder die Frühstückspause. Für Julia und mich begann das Schatzverstecken. Wir verabschiedeten uns unter dem Vorwand, dass wir unser Essen im Auto vergessen hätten und gingen im Eilschritt eine Abkürzung zum Auto zurück. Dort holten wir die große, alte Holztruhe mit Vorhängeschloss aus dem Kofferraum, versteckten sie in einem Gebüsch auf einer nahen Lichtung und beeilten uns möglichst unauffällige Wegzeichen zum Schatz im Wald zu hinterlassen. Zurück bei der Gruppe erzählten wir die Geschichte vom alten, schusseligen Förster der seinen Schatz im Wald versteckt hat, ihn aber selber nicht mehr finden kann.  Natürlich haben wir auf dem Weg vom Auto zurück zur Gruppe ein Wegzeichen gefunden, was möglicherweise zum Schatz führen könnte. Was dann folgte, war ein Ausbruch totaler Euphorie. Sofort rannten alle Kinder los, schwärmten aus, um Zeichen um Zeichen aufzuspüren und schließlich auf der Lichtung die Schatztruhe aus dem Gebüsch zu ziehen. Nachdem wir unterwegs natürlich auch den Schlüssel für das große Schloss gefunden hatten, begann also der Moment des Truhe-Öffnens. Augenblicke der Anspannung, Vorfreude und strahlender Augen, welche in einen Freudensturm mündeten. Kleine Kinderhände rissen den Deckel hoch und verteilten freudig Holzamulette, welche mit Tierstempeln und den Namen eines jeden Kindes verziert waren. Das Glück der Kinder war unendlich und ich war wirklich tief beeindruckt davon, wie viel ihnen dieses kleine Geschenk bedeutete. Anschließend wurde noch ein wenig auf der Lichtung getobt, bevor der Moment des Abschieds kam.

Ich weiß nicht, wem es schwerer viel, mir oder den Kindern. Ohne Unterlass wurden wir gebeten doch nächste Woche wiederzukommen oder doch wenigstens mal einen Tag zum Mittagessen vorbeizuschauen. Nach vielen geschüttelten Händen, Umarmungen und Bedauernsbekundungen konnten wir uns jedoch doch irgendwann auf den Heimweg machen. Wieder saßen wir schweigend im kleinen, silbernen Dienst-Polo und ich war mich sicher, dass die Erlebnisse dieser Woche etwas ganz Besonderes hinterlassen hatten – in mir und den Kindern.

Bastian Deinert, Nationalpark Harz 2014