Commerzbank-Umweltpraktikum

Scharhörn, du Perle der Nordsee

Foto: Bertan Türemis

Ach Scharhörn, mit dir war es von Anbeginn an Liebe auf den ersten Blick. Jeder Schritt über deine jungfräulichen muschelbedeckten Sandstrände fühlt sich an wie in ein neues Paar Socken zu schlüpfen,  ein neugekauftes Buch das allererste mal aufzuschlagen oder sich in ein frisch bezogenes Bett zu legen. Stundenlang lausche ich täglich deiner Musik im Wellenschlag und lasse mich von der salzigen Meeresbrise umarmen, während ich auf deinen Dünen sitze um deine Weiten zu bewundern. „Das Licht ist hier ganz anders, achte mal darauf“ wurde mir bereits an meinem ersten Tag von einer netten älteren Dame geheißen, noch bevor ich einen Fuß auf die Insel setzte. „Das Licht entfaltet hier eine ganz andere Wirkung wenn man nicht ständig gegen irgendwelche Dinge starren muss“. Wie wahr.

Ich setze meinen Raubzug nach verschollen geglaubten Schatzkisten aus längst vergangen Zeiten oder wenigstens unbeantworteter Flaschenpost fort. Den suchenden Blick über den Sand schweifend bewundere ich das funkelnde Mosaik unbeschadeter Glühbirnen, die sich nach ihrer langen beschwerlichen Reise im Meer nun wie überdimensionierte Perlen am Sandstrand ausruhen. Dazwischen finden sich weiterhin armdicke angespülte Schiffstaue, die nun über den Sandboden schlängeln und züngelnd auf Beute lauern. Mit zügigen Schritten tragen mich meine treuen gummierten Kameraden über die feucht schillernden Salzwiesen auf die Nachbarinsel Nigehörn, wo ich bereits unter tosenden Jubelrufen junger Möwenfamilien erwartet werde. Als ich die Ziffern meiner Zähluhr notiere, macht sich ein kleiner Gartenrotschwanz auf meinem Klemmbrett breit und beansprucht dieses als Teil seines unermesslichen Königreiches. Mit einem Mal fühle ich mich wie die bärtigste Disney-Prinzessin die es nie auf die Leinwand geschafft hat. Gerade als ich ein Lied anzustimmen wage katapultiert sich der Vogel wieder davon. Der Durchbruch mit einer Gesangskarriere muss wohl doch noch weiterhin warten.

Während die Sonne bereits beginnt den Horizont innig zu küssen lasse ich meinen Blick nochmal über das Schimmern der Wogen schweifen und verfolge die riesenhaften vollbeladenen Containerschiffe, die sich wie stählerne Ballerinas in Zeitlupentempo stumm und grazil über die Dünen schieben. Zwischen den Kolossen führen gigantische Schwärme von 60.000 Knutts majästetisch einstudierte Flugmanöver durch, die teilweise den Himmel wie Insektenschwärme verdunkeln. Zufrieden packe ich meine Unterlagen in meinen Rucksack.

Noch bevor ich zurück zu meiner spartanischen Behausung kehre, schnappe ich mir einige Holzscheite aus meinem sorgsam vorbereiteten Haufen und werfe sie sogleich in den kleinen stählernen Holzofen, um mir die Fortsetzung der zauberhaft knisternden Geschichten vom Vorabend anzuhören. Während der Wind sein immerwährendes Lieblingslied pfeift nehme einen letzten Schluck Tee und lösche das Licht. Aus dem Fenster bewundere ich noch die aus der Dunkelheit hervorbrechenden leuchtend bunten Herden an Kreuzfahrtschiffen, die sich um eine Einfahrt in die Elbmündung zanken und genieße die langsam einkehrende Ruhe in das Möwenorchester. Scharhörn, auch wenn du so klein und unscheinbar erscheinen magst, so sind die Gefühle die du in mir weckst riesengroß.
 
Bertan Türemis, Umweltpraktikant 2015 im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer