Commerzbank-Umweltpraktikum

Rückblick auf sechs Monate Scharhörn

Foto: Rolf Arno Specht

Was soll ich sagen? Im Grunde geht es mir gut. Sehr gut sogar.

Voraussetzung fürs Gut-Gehen ist zum einen die Anwesenheit einer bestimmten Mindest-(Arten-)Anzahl von Vögeln und zum anderen die Abwesenheit von Regen und Windstärken über 6.

Mittlerweile ist es Mitte September, meine verbleibenden Tage auf den Vogelschutzinseln Scharhörn und Nigehörn, mitten im Hamburgischen Wattenmeer, lassen sich fast schon an zwei Händen abzählen. Das lachende Auge ist präsenter als das weinende. Allerdings nicht, weil ich mich so sehr freue, wieder aufs Festland zu kommen oder beginne zu glauben, dass ich tatsächlich die von Touristen häufig zur Begrüßung gehörte ‚Einsamste Frau der Welt‘ bin. Sondern vielmehr, weil die hier verlebten sechs Monate einfach schön waren und ich schon heute gern daran zurück denke. Denn trotz der Abgeschiedenheit hatte ich kaum Zeit, mich tatsächlich einsam zu fühlen. Gerade zur Vogelzugzeit wechseln sich sehr ruhige und erlebnisreiche Tage ab, im Frühjahr ‚wollten‘  Brutvögel kartiert, wöchentlich musste Müll gesammelt, Spülsäume regelmäßig kontrolliert werden.

Jetzt sitze ich im vom Verein Jordsand betreuten Infozentrum auf Neuwerk, der mit etwa 40 Personen recht spärlich bewohnten Hauptinsel des kleinen Nationalparks Hamburgisches Wattenmeer. Bei der Arbeit am PC lasse ich das letzte halbe Jahr Revue passieren. Ich erarbeite die kommentierte Artenliste, welche die Daten von über 120 in diesem Jahr im Gebiet beobachteten Vogelarten zusammenfasst, den Brutvogelbericht, welcher fast 2000 Brutpaare aus 21 Arten dokumentiert, brüte selbst über der Besucher-Statistik, zahlreichen Karten und Excel-Tabellen.

Immer wieder schweifen die Gedanken ab und bleiben bei schönen Eindrücken, spannenden Beobachtungen und so manchen erlebten Absurditäten in der Abgeschiedenheit hängen. Trotzdem oder vor allem weil Scharhörn nicht ‚landschaftlich reizvoll‘ im klassischen Sinne ist, zeigt sich die Insel jeden Tag in einem anderen Licht und bescherte mir so einen rappelvollen Foto-Ordner: fliegende und stehende Vögel, fressende und schlafende Vögel, tote Vögel und Jungvögel. Außerdem Landschaft sowie Sonnenauf- und -untergänge en masse.

Die Arbeit am PC macht mich müde und kratzt auf, denn hier im Infozentrum auf Neuwerk gehen die Leute ein und aus – Alltag. Mein Alltag auf Scharhörn hingegen sah völlig anders aus: Ich lebte allein in einem kleinen Wohncontainer, hatte dafür  über 70ha Land – und ewige Wattflächen – für mich allein.

Um den Kopf frei zu bekommen, koche ich mir einen Kaffee und setzte mich mit Fernglas und Spektiv auf den Deich. Kopf ausruhen, Augen ausruhen, runter kommen, durchatmen. Und einfach nur gut gehen lassen. Der Nordostwind weht mäßig, ein Trupp Erlenzeisige nutzt die günstigen Witterungsverhältnisse zum Ziehen, Große Brachvögel lassen ihre melancholischen Triller weit hörbar durch das Watt tragen, ein Merlin überfliegt das Vorland flach und schnell, im nächsten Moment stürzt sich dieser wendige Vogeljäger auf einen Trupp rastender Wiesenpieper.

Ich beschließe, die Arbeit noch ein wenig ruhen zu lassen und eine der letzten Inselrunden hier zu drehen – für diesen Herbst. Im Winter werde ich wiederkommen um die Kollegen zu besuchen, ab März wird Neuwerk für fünf Monate mein Zuhause sein – zur Brutvogelkartierung. Heimlich spekuliere ich natürlich auch auf ein, zwei Wochen Urlaubsvertretung auf Scharhörn – so müsste ich von der Insel nun doch keinen endgültigen Abschied nehmen.

Stella Klasan, Insel Scharhörn, Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer 2014