Commerzbank-Umweltpraktikum

Hochwasser und Meeresmüll: der Juni auf Scharnhörn

 

Mitte Juni mehrten sich die besorgten Anrufe: „Müssen wir uns jetzt auch Sorgen um Dich da auf der kleinen Insel machen?“ Als einsamer Vogelwart auf Scharhörn, direkt in der Elbmündung vor Cuxhaven, wohne ich nur wenige hundert Meter von der Fahrrinne der Elbe entfernt. Das zweite „Jahrhunderthochwasser“ der Elbe innerhalb von elf Jahren lässt die Pegel stark steigen. Doch ich kann meine Freunde und Verwandten beruhigen: „Selbst für Hamburg, was ja noch viel weiter elbaufwärts liegt, sind die Prognosen ja nicht so schlimm. Und hier draußen verteilt sich das ankommende Wasser dann ganz schnell im Wattenmeer.“ Interessanter war die Frage, ob ich etwas von dem Schmutz, Unrat und Müll mitbekommen würde, den das Hochwasser mit sich führte.


Als Scharhörner Vogelwart gehört auch eine wöchentliche Müllzählung am Strand zu meinem Aufgabenbereich. Müllzählungen im Nationalpark? Im ersten Moment denkt man doch beim Wort „Nationalpark“ an völlig unberührte Natur und weniger an die Reste unseres menschlichen Tuns. Aber wer schon einmal außerhalb der Sommersaison an der Küste war, der kennt vielleicht seinen schönen Strand auch anders: Plastiktüten, Schnüre, Flaschen, Eimer, Bretter oder gar Ölflecke und Teerklumpen liegen wild im Spülsaum verteilt. Ohne regelmäßige Strandsäuberungen würden viele Strände schnell im Müll versinken.

Hier auf Scharhörn finden keine Strandsäuberungen statt – der Aufwand wäre einfach viel zu groß. Durch die Lage an einer der meistbefahrenen Schifffahrtswege überhaupt kommen hier mit jeder neuen Flut auch wieder neue Meeresmüllbestandteile an. Um aber wenigstens etwas zu tun, gibt es Programme zur Erfassung des Meeresmülls. Ein schon über viele Jahre laufendes Programm hat der Verein Jordsand, der betreuende Verein des Nationalparks Hamburgisches Wattenmeer, ins Leben gerufen: Jede Woche gehe ich eine feste 100m Strecke am Strand entlang und erfasse per Strichliste den angespülten Müll. Dieser wird dann auch eingesammelt, damit er beim nächsten Mal nicht erneut mitgezählt wird. Über die Jahre sind so einige Ordner mit Erfassungsbögen zusammengekommen, die eine längerfristige Auswertung des Phänomens „Meeresmüll“ erlauben. So hat sich die Gesamtmenge des Mülls durchaus die letzten Jahrzehnte verringert, aber der Plastikanteil ist prozentual gestiegen. Wurden früher viele Güter noch lose transportiert, kommt im Zeitalter der Containerschiffe selten einmal richtiges Frachtgut hier an. Häufiger sind dagegen Reste der Fischerei wie Schnüre, Taue, Netzteile oder Angelschnüre oder (absichtlich?) über Bord geworfene Flaschen, Verpackungen von z. B. Gummibärchen oder Suppenterrinen und Zigarettenkippen. Andere Sachen sind dann völlig kurios und laden zum Geschichten erfinden ein: Druckerpatronen, gleich fünf Stangen Lauch, eine Mülltonne, Augentropfen, eine Klobrille…

Merkwürdige Funde sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass jedes Müllteil im Meer eines zu viel ist. Vögel, Fische und Meeressäuger können sich in den Abfällen verfangen oder verwechseln sie mit Nahrung. Erschreckend sind zum Beispiel die Untersuchungen der Büsumer Außenstelle der Universität Kiel: In den Mägen von Eissturmvögeln hat man bis zu rund 90% Plastik gefunden – die Vögel verhungern bei gefüllten Magen. Dieses Jahr sind auch schon einige in Netzteile verfangene Vögel auf Scharhörn angespült worden. Ihnen war nicht mehr zu helfen – sie hatten sich daran stranguliert. Da Plastik nicht auf natürliche Weise abgebaut wird, sondern durch Wind und Wellen nur weiter zerkleinert wird, gibt es mittlerweile auch in der Nordsee mikroskopisch kleine Plastikmüllteile, die etwa über die Kiemen von Fischen in die Nahrungskette gelangen können. Hier gibt es noch viel Forschungsbedarf und das wahre Ausmaß der Verschmutzung ist nicht absehbar.

Zurück zum Elbehochwasser: Ende Juni kam es dann tatsächlich auch hier zu den bisher höchsten Wasserständen, was aber weniger mit dem Hochwasser der Elbe, sondern vielmehr mit den anhaltend starken Nordwestwinden zusammenhing. Gefährlich für mich und meine Unterkunft wurde es aber nie. Nachdem die hohen Wasserstände vorüber waren, ging ich gespannt die nächsten Müllzählungen an. Würde es erhöhte Abfallmengen geben? Es war sehr viel neuer Müll angespült worden und für einige Posten auf meiner Erfassungsliste reichte der Platz für die Striche nicht aus. Eine genauere Betrachtung einiger angespülten Müllteile ließ diese aber nicht mit der Elbeflut in Verbindung bringen: Viele Müllteile, zum Beispiel eine Tür(!), waren stark mit Seepocken bewachsen, was auf eine längere Reise in der Nordsee hindeutet. Eine angespülte Flaschenpost wurde in der Nähe von Juist eingeworfen und auf einem Schlüsselanhänger konnte ich noch den Namen „Borkum“ entziffern. Beide ostfriesische Inseln liegen entgegengesetzt der Elbmündung. Scheinbar ist also kaum Müll über die Elbe hier angekommen und die befürchtete deutliche Steigerung der sichtbaren Verschmutzung blieb hier aus. Die nicht sichtbare Verschmutzung des Wattenmeeres durch Düngemittel oder Industriechemikalien kann durchaus stark davon abweichen.

Ein Fund Anfang Juli könnte dann aber doch auf einen Transport über die Elbe hindeuten: Ich fand eine Zaunlatte, an die Abstandhalter für einen Elektrozaun befestigt waren, wie sie für typische Weidezäune benutzt werden. Hier könnte ich mir gut vorstellen, dass diese Latte bei der Überflutung der elbnahen Weideflächen fortgerissen und die Elbe hinuntergespült wurde.

Christian Stolz, Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer, 13. Juli

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