Commerzbank-Umweltpraktikum

Großes Kino im Wattenmeer

Foto: Barbara Kofler

An meinem ersten Arbeitstag in der Wattwerkstatt, dem Infozentrum des Nationalparks auf der Hamburger Hallig war ich sehr erstaunt, erstaunt über alles Neue und Unbekannte, erstaunt aber vor allem über eine Frage.

Während er sich sehr ausführlich über mein Leben auf der Hallig informiert hatte und ich ihm erklärt hatte, dass ich alleine in dem kleinen reetgedeckten Häuschen am Halligkopf wohnte, fragte mich ein verwunderter Besucher: „Wie hält man das hier so alleine bloß aus, so alleine ohne Fernseher?“ - ob ich mich denn nicht langweile, fügte er besorgt hinzu. Da ich zu diesem Zeitpunkt erst ein paar Tage auf der Hallig verbracht hatte und alles noch ungewohnt und aufregend war, amüsierte mich die Frage und ich antwortete ihm, dass ich noch keine Gelegenheit hatte, mich zu langweilen. Doch damit nicht genug. Im Gegenteil, diese für mich äußerst ungewöhnliche Frage sollte mir im Laufe meines Praktikums noch öfters begegnen.

Inzwischen ist meine Praktikumszeit vorbei. Die Stadt hat mich wieder. Die Kontroverse zu dem Leben im Nationalpark, die mich deutlich belastende Reizüberflutung nach fünf Monaten Natur pur, weckt nun in mir das Verlangen meine Gedanken zu dieser Frage aufzuschreiben:

Ich bin keine Gegnerin des Fernsehens und auch keine Gegnerin anderer moderner Medien. Sie sind Teil unseres Fortschritts und haben unser Leben in vielerlei Hinsicht revolutioniert. Sie sind jedoch mit Vorsicht zu genießen. Das ist aber ein anderes Thema. Worauf ich hier hinaus will ist, dass die Natur uns etwas bieten kann, was bei unserem Überfluss an Unterhaltungsangeboten leider schon ein wenig in Vergessenheit geraten ist, jedoch in keiner Weise artifiziell reproduzierbar oder ersetzbar ist. - Eine andere Form der Unterhaltung und noch viel mehr als das.

Auf der Hallig gab es unzählige Momente, die mich ins Staunen brachten, mich faszinierten, mich gespannt den Atem anhalten ließen, mich nachdenklich und traurig stimmten oder vor Glück fast explodieren ließen. Momente an denen die Zeit still zu stehen schien, sie gleichzeitig aber unaufhaltsam an mir vorbei raste. Was diese Momente ausmacht? Es ist die Natur mit all ihren Details. Für viele mögen es bloß Kleinigkeiten sein, die immer da sind. Für mich sind diese „Kleinigkeiten“ ganz groß. Groß, weil sie essentiell sind - für unser Überleben, aber auch für unsere Seele. Sie sind groß, eben weil sie da sind, weil wir Teil davon sind, weil wir ihren Wert bloß erkennen müssen.

Ob es der Tidenstrom ist, der so viel Wasser bewegt, dass man bequem auf dem Meeresboden spazieren kann, über dem nur wenige Stunden vorher mehrere Meter Wasser lagen oder die vielen kleinen Wattschnecken, die kopfüber an der Wasseroberfläche haftend vorbeitreiben. Ob es eine frei gespülte Herzmuschel ist, die sich schnell wieder ins Sediment eingräbt oder einfach die bloße Eleganz einer Anemone auf dem Wattboden. Ob es die Vögel sind, wie sie massenhaft gedrängt auf ihren Hochwasserrastplätzen auf einen reich gedeckten Tisch bei frei liegenden Wattflächen warten oder die gelbbraunen Teppiche der Kieselalgen - kaum wahrnehmbar und doch unverzichtbar als Basis der Nahrungskette. Ob es die verschieden Gesichter der Salzwiese sind, die erstaunlichen Strategien jeder einzelnen Pflanzenart. Ob es die ineinander verfließenden Farben am Abendhimmel sind, die sich imposant über den Nachthimmel ziehende Milchstraße, ihre unzähligen Sterne...

Das ist „großes Kino“! Unterhaltung der anderen Art. Ohne Programmheft und ohne Werbeschaltung. Direkt vor unserer Nase - egal ob am Wattenmeer oder in den Bergen, im Wald oder im Stadtpark. Natur ist da! Gute UntERHALTung!

Barbara Kofler, Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer 2014