Commerzbank-Umweltpraktikum

Grandioser Irrtum

Foto: Anna-Lisa Schönwelski

Heute habe ich mich zum 4. Mal auf dem Weg zur Arbeit verfahren. Mit Karte und Fahrrad ausgestattet finde ich immer wieder neue Wege, geh im Wald verloren und finde am Ende doch wieder raus. Der Gleitzeit sei Dank, komme ich trotzdem noch pünktlich.

Die schönsten Tage hier fangen genau so an.  Ich fahre durch den Wald, staune gedankenverloren vor mich hin und wahrscheinlich gerade als ich mich frage, wie der Wald nach Leben und Tod gleichzeitig riechen kann, verpasse ich den Weg, den ich eigentlich geplant hatte zu nehmen.  An der nächsten Gabelung kommt es mir seltsam vor, dass sich dort überhaupt eine befindet. In meiner Tasche suche ich nach der kürzlich erworbenen und schon relativ zerfledderten Rad- und Wanderkarte. Habe sie natürlich nicht griffbereit eingepackt, dachte, mich auf dieser Strecke schon auf jede mögliche Art verfahren zu haben. Grandioser Irrtum. Schließlich finde ich die Karte. Ein Specht klopft und der Wald gibt ein wahnsinniges Echo preis, das mich von einem auf den anderen Moment zum Kind werden lässt. Ich rufe absurde Laute in den Wald und lasse mich vom Widerhall meiner eigenen Stimme amüsieren.  Nach kurzweiligen 10 Minuten habe ich dann aber das Gefühl, die ernsthafteren Waldbewohner (Tiere) zu stören und beschließe weiter zu fahren. Die Karte stecke ich ungesehen zurück in die Tasche und fahre „nach Gefühl“ links.  War natürlich falsch. Falsch im Sinne des eigentlichen Ziels, meinen Arbeitsplatz über eine möglichst kurze Strecke in möglichst kurzer Zeit zu erreichen.  Doch schon nach 300 Metern erweist sich die Entscheidung, links zu fahren, als die beste des Tages.  Direkt vor meinem Fahrrad fliegt ein Schreiadler auf. Eigentlich fliegt er nicht, er flattert gegen einen Baum. Geht nochmal zu Boden und flieht dann in die andere Richtung, wo er auf einem Ast platznimmt und mich aus sicherer Entfernung beäugt.  Ich bin mindestens so erstaunt wie der Vogel. Keiner von uns hatte mit dieser Begegnung gerechnet und ich weiß nicht mehr, wer zuerst vor dem Voyeurismus des anderen Reißaus genommen hat. Wieder auf dem Fahrrad bin ich jedenfalls sehr dankbar für meinen miserablen Orientierungssinn.

Anna-Lisa Schönwelski, Umweltpraktikantin 2015 im Müritz Nationalpark