Commerzbank-Umweltpraktikum

Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer

Foto Leah Houy

Es ist kurz nach sieben, also eigentlich noch mindestens ´ne knappe Stunde Zeit bis mein Wecker klingelt, aber ich bin natürlich schon wach. Die warme Sonne heizt mein etwa zwei Quadratmeter großes „Schlafzimmer“ im hinteren Teil des Wohnwagens so auf, dass es sich unter der warmen Decke kaum aushalten lässt...außerdem hat mich das beharrliche - aber nicht minder charmante - „Tjüttjüttjüt“ des Rotschenkels direkt vor meinem Fenster schon vor einiger Zeit aus dem Schlaf geholt. Wenn ich daran denke wie dieser kleine Brutvogel, fast jeden Morgen über mein Dach stakst und mich mit seinem Ruf daran erinnert, dass ich gerade direkt zwischen Meer und Salzwiese wohne, liegt es tatsächlich nahe, dass die Leute hier ihn nur „Tüter“ nennen.

Heute geht es mit einer Gruppe von Kindergartenkindern aus Schweiburg auf Entdeckertour ins Schlickwatt und in die angrenzenden Salzwiesen. Ausgerüstet mit Eimern und Keschern machen wir uns mit der Gruppe fünf- bis sechsjähriger Schulanfänger auf den Weg ins Watt. Nach anfänglichem Misstrauen gegenüber dem klebrigen Untergrund, in dem man auch mit Gummistiefeln schnell versinkt und stecken bleibt, haben die Kinder einen Riesenspaß beim Ausfindigmachen der „Sandspaghettihaufen“ des Wattwurms, beim Ausbuddeln von Herz- und Pfeffermuscheln oder beim Identifizieren von Vogel-, Schnecken-, oder Seeringelwurmspuren. Erst nach einiger Zeit im Watt, während die Kinderbande konzentriert nach Muscheln sucht, fällt mir das eigentümliche Geräusch auf, das uns umgibt; als ob eine Vielzahl kleiner Bläschen zerplatzen würde, ganz leise zwar, aber trotzdem immer da...also frage ich bei meinem Praktikumsleiter nach: so klingt also das Wattknistern!

Nachdem wir uns dann die letzten festen Kleiklumpen von den Gummistiefen und Matschhosen gebraust haben geht die Tour weiter in die Salzwiesen. Mit dem Phänomen von Ebbe und Flut kennen sich die Kleinen hier schon ziemlich gut aus! Deshalb wundert es sie auch kaum, dass sich am Saum der Wiese einige Meter weit weg vom Meeresufer eine große Pfütze mit Salzwasser auftut. Darin tummeln sich nicht nur verschieden große Garnelen und Flokrebse sondern auch gefräßge Strandkrabben und Fische wie Stichlinge oder winzige Schollen. Stolz und aufgregt präsentieren die jungen Entdecker ihren Fang. Einige der gefangenen Tiere lassen wir nach genauer und vorsichtiger Betrachtung und Bestimmung wieder frei, andere werden in den mitgebrachten Eimern bis zur Station transportiert. Auf dem Rückweg probiere ich mit den Kindern noch ein paar Queller, die zu den Pionieren der Salzwiese gehören. Mit Entzücken oder verzogenem Gesicht kauen Einige auf den Salzsukkulenten herum. „Wie Pflanzensalzstängchen!“ ruft ein Mädchen begeistert und ich muss schmunzeln.

Wieder an der Erlebnistation angekommen dürfen die Kinder einen Teil ihrer Beute ins Aquarium innerhalb unseres Labor-Containers setzen. Die Herzmuscheln, die sie so fleißig gesammelt haben, halten das Aquarium schön sauber, weil sie alle Partikel aus dem Wasser filtern, erkläre ich. Sogar Paul, der seine lebendige Herzmuschel unbedingt mit nach Hause nehmen wollte, lässt sich davon überzeugen diese ins Aquarium zu setzen, mit dem Versprechen natürlich sie jederzeit hier besuchen zu dürfen. Dann steht auch schon der Abschied an und die wissbegierige Rasselbande macht sich wieder auf den Heimweg.

Am späten Nachmittag habe ich dann Gelegenheit vom Bohlenweg im weltweit einzigartigen “Schwimmenden Moor“ zur Vogelbeobachtungshütte zu gelangen. Und – wer hätte das gedacht – neben Brandgänsen, Austernfischern, Löffelenten und Lachmöwen hat sich auch eine Gruppe seltenerer Besucher um die Inseln in den Tümpeln der Salzwiesen eingefunden. Durch mein Fernglas kann ich ganz deutlich vier Löffler sehen, die durchs Wasser waten um nach Nahrung zu suchen: Wahnsinnig schön!

Auf dem Heimweg zu meinem Wohnwagen, vorbei an knorrigen Eichen und Moorbirken, fluffigen Schafen und Lämmern, die am Deich grasen und an satt grünen Wiesen, aus denen das unverkennbare Zwitschern der Feldlerche tönt, und die Lebensraum für so viele Brutvögel und andere Tiere bieten, lasse ich den Tag in Gedanken nochmal Revue passieren: Ich habe heute den Schlick zwischen meinen Zehen, die Brise im Gesicht und die Sonne im Nacken gespürt; Das Rufen der Watvögel, das Brausen des Windes und das Knistern des Watts gehört; konnte den Kontrast zwischen Brackwasser und Strandnelke riechen und Meersalz gespeichert im Queller schmecken...und ich habe so viel Besonderes gesehen, dass ich das wohl kaum alles aufzählen kann. Das Wattenmer ist also wirklich ein Erlebnis für alle Sinne und das jeden Tag aufs Neue!

Jetzt sitze ich mit einer Tasse Ostfriesentee (natürlich mit Kluntje und Sahne!) in meinem neuen Zuhause, der Wind pfeift um den Wagen und ich blicke in einen tieforangenen Sonnenuntergang. Ganz am Horizont kann man sogar die Umrisse von Wilhelmshaven, vom Weserport und vom Arngaster Leuchtturm erkennen. An diesen allabendlichen Anblick könnte ich mich echt gewöhnen, genau wie an den ganzen Rest hier...

 

Leah Houy, Umweltpraktikantin 2016 im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer